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Arbeit macht frei? Wider die kapitalistische Leitkultur

Geschrieben von lupo cattivo - 26/02/2010

Quelle: Detlef Nolde

Was macht die vielbesungene deutsche bzw. kapitalistische Leitkultur aus? Egoismus, Nihilismus – Arbeitswahn?

Ist sie am Ende gar eine Leidkultur, die schleunigst überwunden gehört, wie Marktwirtschaft und Kapitalismus überhaupt?

Folgender Beitrag von Volker Wollny unter der Überschrift “Paul Lafargue und das Recht auf Faulheit” sei an dieser Stelle auszugsweise zitiert:

Ist Arbeitslosigkeit ein Problem?

Die derzeitige Massenarbeitslosigkeit wird gemeinhin immer noch als eines der größten Probleme angesehen, denen wir heute gegenüber stehen. Dieser (scheinbare) Konsens wird aber mittlerweile von immer mehr kompetenten Leuten in Frage gestellt bzw. sogar abgelehnt.

Arbeit im klassischen Sinne wird in Zukunft immer weniger notwendig sein, so dass nicht mehr jeder einen Arbeitsplatz haben kann. Der wohl prominenteste Vertreter der neuen Sichtweise ist Götz Werner, von der Drogeriemarkt-Kette “dm” der vor allem für seine Forderung nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen bekannt ist.

In diesem Zusammenhang ist auch Paul Lafargues Schrift “Das Recht auf Faulheit” zu einem interessanten Dokument geworden, weil Lafargues Überlegungen auch noch – und gerade – heute, aufzeigen, welcher Wurm in unserem System steckt.

Wie verhindert man Verelendung durch Massenarbeitslosigkeit?

Um Probleme zu lösen, muss man erkennen, um was es wirklich geht.  Es geht daher zunächst darum die Verlogenheit eines Systems zu entlarven, welches so tut, als ob jeder Arbeit haben könnte, den Arbeitslosen für selbst schuldig an seiner Misere erklärtt und entsprechend bestraft. Dem kommt die herrschende Auffassung entgegen, dass es der Lebenszweck des Menschen sei zu arbeiten und die Arbeit ein erstrebenswertes Gut.

Das aber ist schlichtweg Humbug, denn  grundsätzlich dienen fortschrittliche Errungenschaften wie Maschinen und verbesserte Arbeitstechniken dazu, die menschliche Arbeit zu erleichtern und teilweise oder sogar ganz überflüssig zu machen. Arbeitslosigkeit ist also tatsächlich an sich kein Problem. Sie wird nur zu einem solchen, weil man diejenigen Menschen vom Konsum ausschließt, deren Mithilfe bei der Produktion nicht mehr benötigt wird und den wenigen, die man noch braucht, immer mehr Leistung für immer weniger Lohn abpresst.

[...]

Technischer Fortschritt muss uns von Arbeit entlasten

Moderne Maschinen und Produktionsmethoden werden gerne als Jobkiller bezeichnet, weil sie Arbeitsplätze kosten.  Das kann jedoch nicht der Sinn der technischen Entwicklung sein, wie schon Paul Lafargue vor über 125 Jahren feststellte, sondern sie soll mehr Wohlstand mit weniger Arbeit schaffen:

Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und mit beständig wachsender Schnelligkeit und Präzision die menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter noch seine Anstrengungen, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, als wollte er mit den Maschinen wetteifern. O törichte und mörderische Konkurrenz!

Genau das passiert heute noch Natürlich gibt es durch diesen Effekt immer mehr Waren, die von immer weniger Leuten gekauft werden können, weil immer weniger Arbeit haben, denn die vielen Waren können von immer weniger Leuten hergestellt werden:

Und da die europäischen Arbeiter, vor Hunger und Kälte zitternd, sich weigern, die Stoffe, die sie weben, zu tragen, den Wein, den sie ernten, zu trinken, so sehen sich die armen Fabrikanten genötigt, wie Wiesel in ferne Länder zu laufen und dort Leute zu suchen, die sie tragen und trinken.

Künstlich erzeugte und unnötige Arbeit

“Ein unnötige Arbeit ist keine Arbeit”, weiß ein schwäbisches Sprichwort, welches im Grunde aussagt, dass eine Arbeit immer einen Sinn in Form eines Ergebnisses haben muss. Das ist natürlich vollkommen richtig, aber nicht im Sinne des Kapitalisten, der ja an der Arbeit anderer verdient. Deswegen ist er auch nicht daran interessiert, haltbare Dinge herzustellen, denn einen Gegenstand, der ein Leben lang hält, kann er ja pro Person nur einmal verkaufen. Deswegen werden Waren heute so hergestellt, dass sie nur ein begrenzte Zeit halten und auch möglichst nicht  zu reparieren sind. Ganze Heerscharen von Ingenieuren sind damit beschäftigt, Produkte so zu gestalten, das sie nur ein begrenzte Zeit halten und dann neu angeschafft werden müssen. Auch das gab es bereits zu Paul Lafargues Zeiten:

Anstatt der Seidenfaser ihre Einfachheit und natürliche Geschmeidigkeit zu lassen, überläd man sie in Lyon mit Mineralsalzen, die ihr Gewicht geben, sie aber brüchig und wenig brauchbar macht. Alle unsere Produkte sind verfälscht, um ihren Absatz zu erleichtern und ihre Haltbarkeit zu verkürzen.

Er wird sogar noch deutlicher, indem er mit beißendem Sarkasmus erläutert, was der Sinn der künstlich verkürzten Produktlebensdauer ist:

Diese Fälschungen, die einzig und allein menschlichen Rücksichten entspringen, jedoch den Fabrikanten, die sie praktizieren, famose Profite eintragen, sind zwar für die Qualität der Waren von verderblichster Wirkung, sind zwar eine unerschöpfliche Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit, aber sie kennzeichnen doch die geniale Menschenliebe der Bourgeois und die schreckliche Perversität der Arbeiter, die, um ihre lasterhafte Arbeitssucht zu befriedigen, die Herren Industriellen veranlassen, die Stimme ihres Gewissens zu ersticken und sogar die Regeln der kaufmännischen Ehrbarkeit zu verletzen.

Wie soll es weitergehen?

Fakt ist, dass unsere moderne Industrie die menschliche Arbeit bereits zu einem großen Teil überflüssig gemacht hat. Es gibt ganz einfach nicht mehr genug Arbeit um es jedem zu ermöglichen, acht oder mehr Stunden am Tag zu arbeiten. Dass das so ist, sieht man daran, dass diejenigen, die noch Arbeit haben, in der Lage sind, die anderen mit zu versorgen.

In der heutigen Situation werden sowohl die Arbeitslosen betrogen, als auch diejenigen, die noch Arbeit haben. Den Arbeitslosen entält man  ihren Anteil an den Früchten des in früheren Zeiten geschaffenen vor indem man sie einfach ausgeschlossen hat.

Die anderen betrügt man darum, indem man ihnen nicht den Lohn bezahlt, der ihnen zusteht und sie länger arbeiten lässt als es nötig wäre. Das dies so ist, sieht man daran, dass trotz des angeblich so schlechten Standortes Deutschland in den ach so schlechten letzten Jahren die Unterrnehmensgewinne kräftig gestiegen sind, während die Einkommen der Arbeiter immer schlechter wurden.

Eine Verbesserung kann es nur durch eine radikale Veränderung der Verhältnisse geben. Ob dies durch eine radikalen Umverteilung der Arbeit durch erhebliche Arbeitszeitverkürzung möglich ist, oder ob man besser die Idee des bedingslosen Grundeinkommens und der Freiwilligkeit der Arbeit umsetzt, mag vorerst noch dahin gestellt sein. Fakt ist jedoch, dass wir unverschämt belogen werden, wenn man uns erzählt, dass wir für immer weniger Gegenleistung immer mehr arbeiten müssen um “international konkurrenzfähig” zu bleiben.

Wir müssen also umdenken und uns von der Vorstellung verabschieden, dass Arbeit der Sinndes Lebens sei. Vor dem Hintergrund der modernen technischen Möglichkeiten und der heutigen Produktivität klingt auch Paul Lafargues Forderung keineswegs mehr utopisch:

Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die »Menschenrechte« zu verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das »Recht auf Arbeit« zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten, dann wird die alte Erde, zitternd vor Wonne, in ihrem Inneren eine neue Welt sich regen fühlen — aber wie soll man von einem durch die kapitalistische Moral verdorbenen Proletariat einen männlichen Entschluß verlangen!

Vollständigen Beitrag lesen: http://selbstversorger-blog.over-blog.de/article-26754674.html

Aus dem Manifest gegen die Arbeit:

Sozialisten und Konservative, Demokraten und Faschisten haben sich bis aufs Messer bekämpft, aber trotz aller Todfeindschaft immer gemeinsam dem Arbeitsgötzen geopfert. “Die Müßiggänger schiebt beiseite” hieß es im Text der internationalen Arbeiterhymne – und “Arbeit macht frei” echote es schauerlich über dem Tor von Auschwitz. Die pluralistischen Nachkriegs-Demokratien schworen erst recht auf die immerwährende Diktatur der Arbeit. … Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich alle ideologischen Gegensätze nahezu verflüchtigt. Übrig geblieben ist das gnadenlose gemeinsame Dogma, die Arbeit sei die natürliche Bestimmung des Menschen. …

Was und wofür und mit welchen Folgen produziert wird, ist dem Verkäufer der Ware Arbeitskraft letzten Endes genauso herzlich egal wie dem Käufer. Die Arbeiter der Atomkraftwerke und der Chemiefabriken protestieren am lautesten, wenn ihre tickenden Zeitbomben entschärft werden sollen. Und die “Beschäftigten” von Volkswagen, Ford oder Toyota sind die fanatischsten Anhänger des automobilen Selbstmordprogramms.

Nicht etwa bloß deswegen, weil sie sich gezwungenermaßen verkaufen müssen, um überhaupt leben zu “dürfen”, sondern weil sie sich tatsächlich mit diesem bornierten Dasein identifizieren. Soziologen, Gewerkschaftern, Pfarrern und anderen Berufstheologen der “sozialen Frage” gilt das als Beweis für den ethisch-moralischen Wert der Arbeit. Arbeit bildet Persönlichkeit, sagen sie.

Zu recht. Nämlich die Persönlichkeit von Zombis der Warenproduktion, die sich ein Leben außerhalb ihrer heißgeliebten Tretmühle gar nicht mehr vorstellen können, für die sie sich tagtäglich selber zurichten.

Weitere Texte:

Kurz, Lohoff, Trenkle: Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit
Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des “Rechts auf Arbeit” von 1848
Zehn Argumente gegen den Arbeitswahn (und weitere Texte)
Fetisch Arbeit

Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits “Bedürfnis der Erholung” und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. “Man ist es seiner Gesundheit schuldig” – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja es könnte bald so weit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. (Friedrich Nietzsche, Muße und Müßiggang, 1882)

5 Antworten zu “Arbeit macht frei? Wider die kapitalistische Leitkultur”

  1. schatten sagte

    nix neues, leider ist die masse der menschen zu verblendet und zu sehr mit ihrer arbeit beschäftigt um die wahrheit zu erkennen.

  2. Erpressersystem sagte

    Leider sind die Menschen einer Verblendung erlegen, diese Arbeitsroboter sind Angstgetrieben durch die Tägliche Propaganda in den Medien. Selbst wenn man Ihnen Aufklärung anbietet Lehnen Sie diese kategorisch ab.
    All diese Arbeitssklaven wollen an nichts anderes mehr Glauben als an den Arbeitstod es sind Verblendete Armselige Dumme Menschen, die keine Ahnung von Leben in Freiheit haben, was die außer materialistischen Fetisch noch haben ist Armselig, denn Sie haben keine zeit zu fast nichts als um Ihren Konsumartikeln zu frönen und das war es dann auch schon. Die Eliten hingegen sind das Gleiche nur sind Sie etwas Reicher an kapital und Unnötigem Spielzeugen die ja dem Leben entgegenstehen den leben wie es sein sollte braucht keine Unnötigen Speilzeuge vielmehr eine Grundversorgung aus der Intakten Natur gesundes nicht verseuchtes Wasser Nahrung ohne Schadstoffe usw. elementar ist Körper Geist Seele. Selbständigkeit Unabhängigkeit von Konzernen und von Geld und relative Abhängigkeit von Gemeinschaften im persönlichen Umfeld wie Kommune etc.
    Ein Gewissen das mit der Gemeinschaft geteilt wird und Kein Vertrauen in ein konstrukt Namens Staat den der Staat hat Kein Gewissen und einem Gewissenlosen kann man nicht Vertrauen.

  3. Peggy Sue sagte

    Walden Two von B.F. Skinner sollte man gelesen haben.

  4. Büroekel sagte

    allzeit aktuell.
    Ich frage mich wann die Menschen das erkennen?

  5. haunebu7 sagte

    Reblogged this on Haunebu7's Blog .

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