lupo cattivo – gegen die Weltherrschaft

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Nur Denken oder Essen?

Geschrieben von lupo cattivo - 28/02/2010

Quelle: keimform

Zwei Menschen können wohl den selben Gedanken denken, aber nicht dasselbe Stück Brot essen

Dieses Zitat von Thomas Hobbes (aus: Leviathan – mit dem er den „Kampf aller gegen alle“ begründet) wird einem immer wieder entgegen gehalten, wenn man vom Modell der Freien Software als „Keimform“ einer nachkapitalisti­schen, nicht geldlogischen Gesellschaft spricht.

Der kategoriale Unterschied zwischen virtuellen Gütern und körperlichen, sinnlich erfahrbaren wird zum Dauer-Gegenargument: Was in der Welt der Bits und Bytes möglich sei, verschließe sich in Welt der handfesten Güter von selbst und dauer­haft!Leider leisten Systematiken im Stil einer „Warenkunde“ – wie die von Ernst Lohoff und Stefan Meretz – diesem eh schon allzu felsenfesten Glauben Vorschub: Die Einteilung von Gütern/Waren z.B. in „rivale“ und „nichtrivale“ (entsprechend der Unterscheidung, ob ihr Konsum jemand anderem etwas wegnimmt oder nicht – siehe obiges Zitat) legt geradezu eine ontologische Sichtweise nahe: In einer ent­sprechend starren Güter/Waren-Systematik eignen sich nur die virtuellen zur frei­en Nutzung – alle anderen bleiben ewig knapp und können bestenfalls (solida­risch) „geteilt“ werden. Eine ähnlich missverständliche Einteilung suggeriert Stefans neues Schema zu „commons“. Hier macht er – vom „Gut“ ausgehend – wieder so ein festes Schema, das eben­falls wieder eine (quasi natürliche) Begründung für das übliche Gegenargument liefert. Statt solcher Systematiken (so verdienstvoll, ausgeklügelt und anschaulich sie auch sein mö­gen) sollten wir lieber versuchen, die übliche Argumentationskette aufzulösen. Z.B.:

Zwei Menschen können sowohl denselben Gedanken denken als auch in derselben Straßenbahn sitzen!

Das typische Beispiel der Nahrungsaufnahme, Verdauung oder Einverleibung ist nämlich ein gar nicht so häufiger Sonderfall. Viele andere Konsumgüter und Tätigkeiten lassen sich mehr oder weniger einfach und verlustfrei „gemeinsam“ oder abwechselnd o.ä. nutzen. Und wenn man etwa den Spass einer gemeinsamen Autofahrt oder Nutzung der­selben Decke zum Drunterkriechen nimmt, ist das nicht nur keine Einschrän­kung des Nutzens oder ein solidarisches Teilen, sondern ein Erlebnis von beson­derer (zusätzlicher) Qualität – also keine Halbierung oder Aufteilung des Nutzens sondern eine Vervielfältigung bzw. Variation!

Deshalb sollten wir besser von den konkreten Bedürfnissen der Menschen ausgehen. Nur von ihnen aus lässt sich sinnvoll von „Knappheit“ oder „Reich­tum“ sprechen. Den gesellschaftlichen Charakter von „Knappheit“ oder „Reich­tum“ heraus zu stellen, könnte helfen, den Unterschied zwischen z.B. „rivalen“ und „nicht-rivalen“, zwischen virtuellen und handfesten Gütern/Waren zu relati­vieren und damit die Vorstellung einer Verallgemeinerbarkeit des Modells „Freie Software“ zu erleichtern.

Und umgekehrt: Auch bei den virtuellen Gütern/Waren kommt ja häufig das Ge­genargument: Auch wenn das Kopieren selber (verlust-)frei sei, benötige der konkrete Vorgang doch noch einen gewissen Aufwand an Zeit (Arbeit) und materielle Ressourcen (Technische Geräte, Räume usw.) – wobei meistens an die ungünstige Situation der „Entwicklungsländer“ erinnert wird. Außerdem braucht jede Infor­mation konkrete Datenträger, die ebenfalls wieder hergestellt, bedient, gewartet usw. werden müssen. Wir ziehen uns immer aus der Klemme, indem wir „prinzi­piell“ und „an und für sich“ hinzufügen: Prinzipiell und „an und für sich“ seien virtuelle Inhalte frei kopierbar und verfügbar. Besser wäre, die kategoriale Unterscheidung der Güter/Waren-Arten aufzuge­ben bzw. in den Hintergrund zu stellen.

Wir sollten nicht die Sonderrolle betonen, dass die virtuellen Güter prinzipiell frei sind, also die an bestimmten (eben virtuellen) Gütern klebende Eigenschaft „frei“ in den Vordergrund stellen (die die anderen dann nicht haben), sondern den jeweiligen konkreten Aufwand bzw. Umgang mit ihnen genauer analysieren.
Freie Software zu produzieren und zu nutzen, ist nicht einfach nur frei, sondern macht Spass.
Es tut gut, macht z.B. das schöne Gefühl, mit der jeweiligen Software-Community – mit Gesellschaft überhaupt – verbunden zu sein. Es fehlt der Ärger über Nutzungseinschränkungen mitsamt den üblichen Drohungen bei pro­prietärer Software. Eine ganze Welt von Anwendungen steht frei zur Verfügung, die Produzenten bekommen leicht Kontakt untereinander usw.

„Arbeit“ im Zusammenhang mit virtuellen Gütern macht Spass, ist also gar nicht „Arbeit“, sondern befriedigende BetätigungSteigerung von Lebensqualität statt Energie-Verlust, sie bringt Anerkennung, das Gefühl professioneller Qualifi­kation usw. (was auch leider zur Sucht führen kann).
Diese Betätigung ist kein Opfer, kein Arbeitsleid („pain of work“), wie die liberale Klassik ihrem Wirtschaftsmodell zugrunde gelegt hatte, ist nichts, was zeitlich gemessen, äquivalent getauscht, also „entlohnt“ werden muss.
Hier entfallen die Kriterien, die unserem System zugrunde liegen, die Übersetzung von Qualität in Quantität, von völlig unterschiedlichen Inhalten in ein vergleichbares, berechen­bares Wert-Schema.
Deshalb ist das Modell der Freien Software so interessant: nicht wegen der besonderen Güter-Eigenschaft „frei“, sondern weil hier in besonders „reiner“ Form die Entstehung einer neuen gesellschaftliche Logik zu beobachten ist. Bei genaue­rem Hinsehen lassen sich ähnliche Beispiele (allerdings viel weniger of­fensichtlich) fast überall finden, eine „Gütersystematik“ erschwert solche Beobachtungen eher.

Überall dort und in dem Maße, in dem immer mehr personenabhängige Leistungen wie Kreativität, Kooperationsfähigkeit, emotionale und soziale Kompe­tenz usw. verlangt werden, dürfte sich „Arbeit“ auch ein Stück weiter in Richtung persönlicher Befriedigung, Spass, Anerkennung usw. verschieben, bzw. den entsprechenden Anspruch nähren. Diese Ver­schiebung stößt natürlich an die systemische Grenze der betriebswirtschaftlichen Verwertung, könnte aber eine Eigendynamik entwickeln, die diese Grenze nicht mehr akzeptiert.

Auszug von ein paar Kommentaren:

Christian:

  • @ulifrank: IMHO kann es schon sinnvoll sein, auf solche Kategorien wie „rival“ und „nichtrival“ einzugehen, gerade um klar zu machen, dass sie nicht mit der Unterscheidung „materiell“ vs. „immateriell“ zusammenfallen. Dein Beispiel passt da ja ganz gut: Straßenbahnen sind eben nichtrival, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Das sieht übrigens auch die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft so, z.B. schreibt die Wikipedia: So ist das Gut Autobahnbenutzung zunächst nicht rival, da ein zweites Auto auf der Autobahn den einzelnen Fahrer nicht stört. Bei stark zunehmendem Verkehr jedoch wird auch die Autobahnbenutzung rival. Bei der Straßenbahn kann dabei (anders als bei der Autobahn) sogar ein Netzwerkeffekt auftreten, d.h. das Gegenteil von Rivalität. Wenn mehr Leute auf einer Strecke fahren, erhöhen die Verkehrsbetriebe vielleicht die Frequenz, und dann ist die verstärkte Nutzung durch andere sogar vorteilhaft für alle. Bleiben Frequenz und Wagengröße dagegen unverändert, ist die verstärkte Nutzung durch andere von Nachteil, weil man sich nun in überfüllte Wagen quetschen muss.Daran lässt sich schön zeigen, dass es eine Frage der gesellschaftlichen Organisation ist, ob die Nutzung durch andere für mich Vor- oder Nachteile bringt, dass so etwas wie Rivalität versus Netzwerkeffekt also nicht „naturgegeben“ ist.

Thorsten:

  • Hallo Ulifrank, vielen Dank für Deinen Beitrag, der mir an vielen Stellen aus dem Herzen spricht. Das Beispiel des Skeptikers mit der Decke, finde ich, unterstreicht Dein Rütteln an der Zweckmäßigkeit der Unterteilung in rival, knapp etc. sehr schön: Eine Decke oder ein Bett kann ein knappes und rivales Gut sein aber unter Umständen hätte man doch, dass man sich diese beiden Güter mit jemandem teilen kann. Das ist schon fast Kollektivgutpoesie ;) Zur Arbeitsmotivation fällt mir die Hacker-Ethik von Himanen ein, deren Auseinandersetzung mit Arbeit vor dem Hintergrund von Open Soure ich sehr interessant finde. Ich sehe dort und auch in Deiner Argumentation nur die Gefahr, dass man beginnt, das bisher geltende Deutungsmuster der protestantischen Arbeitsamkeit mit Hilfe des aus der Psychologie kommenden Begriffes der intrinsischen Motivation zu einer Frage der Gesundheit zu machen. Damit wäre m.E. niemandem geholfen. Schon heute wird die intrinsische Motivation in der “Arbeitswelt” als Druckmittel genutzt: Wer sich nicht selbst zum Arbeiten motivieren kann, ist entweder faul, krank oder arbeitsscheu. Ich würde es interessant finden, nicht nur den Gedanken der Güter als knappe Dinger und deren Unterteilung in rival/nicht-rival zu “vergessen”, sondern den Gedanken der Arbeit auch gleich mit über Bord zu kippen.

Martin:

“Intrinsische Motivation” scheint mir einer jener Begriffe zu sein, die etwas auf die Logik der Arbeit bringen, was ihr eigentlich nicht entspricht. Im Kapitalismus spielt es keine Rolle, ob eine Arbeit gern getan wird, es zählt nur das Ergebnis, das Produkt, das zur Ware wird. Daher besteht ständig das Problem, wie man die Menschen zum Arbeiten bekommt. Dafür hat die Psychologie den Begriff “Motivation” eingeführt. Zwang und Anreize sind nun “extrinsische Motivation”, Lust, Interesse, das Gefühl des Gebraucht-Werdens oder die Erkenntnis der Nützlichkeit “intrinsische Motivation”. In Wirklichkeit sind das aber ganz verschiedene Dinge.

Der (sowieso reichlich schwammige) Begriff “intrinische Motivation” würde dann daraus resultieren, dass man eine komplexe Wirklichkeit entsprechend kapitalistischer Bedürfnisse einteilt, also ein ideologischer Begriff. Liege ich damit richtig, sollten wir den Begriff aufgeben und durch genauere Differenzierungen (“Spaß an etwas haben”, “etwas tun, weil man es für wichtig hält”, “etwas aus Neugier tun”, “etwas als Herausforderung für sich auffassen und deshalb tun” usw.) ersetzen.

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