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Institutionen gemeinsamen Handelns funktionieren – schon seit Jahrhunderten

Posted by lupo cattivo - 18/03/2010

Quelle: ZEIT-FRAGEN

Unter welchen Bedingungen gelingt es Menschen, allgemeine und gleichzeitig begrenzte Ressourcen wie Wälder, Fischbestände im Meer oder beschränkte Wasservorkommen für die Landwirtschaft gemeinsam erfolgreich zu bewirtschaften? Das ist die Leitfrage, zu der Frau Prof. Elinor Ostrom, die 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet worden ist, seit mehr als 40 Jahren im Verbund mit anderen Wissenschaftern forscht.

Weltweite Studien zu den «Bau­prinzipien» erfolgreicher Kooperationen

In ihren empirisch breit abgestützten Forschungen zur Nutzung von gemeinsamen Ressourcen (Allmend-Ressourcen) haben Ostrom und ihre Kollegen zunächst solche Zusammenschlüsse untersucht, die mit Erfolg über lange Zeiträume – viele Generationen bis zu Hunderten von Jahren – bestehen. Sie stiessen dabei rund um den Globus unter anderem auf schweizerische Alpgenossenschaften, spanische und philippinische Bewässerungskooperativen und türkische Küstenfischereigemeinschaften, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie arbeiteten heraus, welches die gemeinsamen «Bauprinzipien» sind, die diese erfolgreichen Vorhaben kennzeichnen. Zur Überprüfung dieser Kriterien wandten sie sie dann auf solche Kooperationsvorhaben an, die keinen Erfolg gehabt hatten und gescheitert waren. Dabei stellte sich jedesmal heraus, dass bei diesen Fehlschlägen mehrere der zuvor bestimmten «Bauprinzipien» nicht verwirklicht waren.

Das Märchen von der «Tragik der Allmende»

Diese Bauprinzipien erfolgreicher Kooperationen wissenschaftlich sorgfältig herausgearbeitet zu haben ist das grosse Verdienst von Ostrom und ihren Kollegen. Wie wichtig diese Erkenntnis konstruktiver Gestaltungsmöglichkeiten ist, wird erst im politischen Kontext deutlich: Die Arbeiten Ostroms und ihrer Kollegen räumen mit einem falschen, aber folgenschweren und bis heute hartnäckig gepflegten Mythos auf, der sogenannten «Tragik der Allmende». Unter diesem Begriff fasst man die Theorie, dass Menschen immer danach streben würden, nur für sich selbst möglichst maximalen Profit zu erreichen. Wenn mehrere Menschen gleichzeitig auf eine gemeinsame Ressource zugreifen können, dann würden sie sie sofort durch Übernutzung zugrunde richten, anstatt sie durch Masshalten zu schonen und damit langfristiger und «nachhaltiger» nutzen zu können. Diese Tragik könne nur durch eine von zwei, scheinbar gegensätzlichen, Massnahmen überwunden werden: entweder die staatliche Kommandowirtschaft oder die Privatisierung der Ressourcen – genauer: den mit staatlichen Mitteln für den Privaten abgesicherten Marktfreiraum.
Dass Planwirtschaft und «freier Markt» versagt haben, ist heute weithin Konsens. Dass aber auch das pseudo-anthropologische Märchen von der «Tragik der Allmende» in die Mottenkiste gehört, ist von grosser Bedeutung für den anstehenden wirtschafts­politischen Diskurs. Ostroms Arbeiten zeigen: Erfolgreiche Institutionen kollektiven Handelns zur Nutzung gemeinsamer Ressourcen sind möglich.

Die Bauprinzipien erfolgreicher Institutionen kollektiven Handelns

Menschen sind in der Lage zu erkennen, dass bei Knappheit einer Ressource (zum Beispiel zuwenig Wasser oder Weideland) ein von allen Beteiligten ausgeübtes, auf kurzfristigen individuellen Profit ausgerichtetes Handeln zum langfristigen Schaden aller ist. Anders als in den künstlichen Experimentalsituationen, die als Begründung für eine «Tragik der Allmende» herhalten (zwei Menschen sind eingesperrt, voneinaner isoliert, die Nahrung reicht nur für einen usw.), ist es in der Realität so, dass Menschen auch bei existentieller Knappheit von Ressourcen einen Spielraum haben, ihr Miteinander sozial zu regeln. Mit solchen Regeln können Menschen sich selbst Institutionen gemeinsamen Handelns schaffen. Ostrom benennt 8 Bauprinzipien von langfristig erfolgreichen Institutionen:
1.    Klar definierte Grenzen:
Es ist klar definiert, wer an der gemeinsamen Bewirtschaftung teilnehmen darf und wo die Grenzen der Allmend-Ressource (AR) sind – zum Beispiel auf einer Alp –, wer zur Genossenschaft dazugehört und welcher Bereich der Weiden gemeinschaftlich und welcher Bereich individuell bewirtschaftet wird.
2.    Lokal bestimmte Nutzungsregeln und Regeln über die zu leistende Arbeit:
Die Benutzer der Allmend-Ressource schaffen sich an den Gegebenheiten orientierte Regeln, wann, wer, wieviel von der Ressource nutzen darf und wieviel Arbeit jeder einzelne in welcher Form für die Instandhaltung der Ressource beizusteuern hat.
3.    Arrangements für kollektive Entscheidungen:
«Die meisten Personen, die von den operativen Regeln betroffen sind, können über Änderungen der operativen Regeln mitbestimmen.» (S. 121)
Es braucht keine externe Instanz, damit die Nutzer einer Allmend-Ressource ihre eigenen Regeln ändern können.
Einleitend zu den Bauprinzipien 4. und 5. stellt Ostrom fest, dass für die Durchsetzung der selbstgeschaffenen Regeln «die Reputation und gemeinsame Normen an sich nicht ausreichen, um auf die Dauer ein stabiles kooperatives Verhalten zu erzeugen. […] Indessen sind in allen lange bestehenden Allmend-Ressourcen wirkungsvolle Investitionen in die Überwachung und Sanktionierung von Aktivitäten klar erkennbar.» (S. 122)
4.    Überwachung:
«Die Überwacher, die aktiv den AR-Zustand und das Verhalten der Aneigner kontrollieren, sind den Aneignern gegenüber rechenschaftspflichtig oder sind selbst die Aneigner.» (S. 122)
5.    Abgestufte Sanktionen:
«Aneigner, die operative Regeln verletzen, werden von anderen Aneignern, von deren Bevollmächtigten oder von beiden glaubhaft mit anderen abgestuften Sanktionen belegt (entsprechend der Schwere und dem Kontext des Vergehens).» (S. 122)
6.    Konfliktlösungsmechanismen:
«Die Aneigner und ihre Bevollmächtigten haben raschen Zugang zu kostengünstigen lokalen Arenen, die Konflikte zwischen Aneignern oder zwischen Aneignern und ihren Bevollmächtigten schlichten.» (S. 130) Ostrom schildert in Beispielen, dass eine solche Arena ganz unterschiedlich sein kann, zum Beispiel ein öffentlicher Platz, auf dem man sich regelmässig trifft, ein Café am Hafen oder auch ein lokales Gericht.
7.    Minimale Anerkennung des Organisationsrechts:
«Das Recht der Aneigner, ihre eigenen Institutionen zu entwickeln, wird von keiner externen staatlichen Behörde in Frage gestellt.» (S. 131)
An verschiedenen Beispielen hebt Ostrom hervor, dass es für die Durchsetzung der Regeln notwendig ist, dass dieses selbstgeschaffene Institutionsrecht von der übergeordneten staatlichen Instanz zumindest toleriert, wenn nicht unterstützt werden muss.
8. Hierarchischer Organisationsaufbau von unten nach oben («Eingebettete Unternehmen»):
Ostrom weigert sich, von vornherein eine Obergrenze an Teilnehmern anzunehmen, bis zu der eine Allmend-Ressource bewirtschaftet werden kann. An Beispielen führt sie aus: «Die grösseren Organisationseinheiten bauen auf bereits zuvor organisierten kleineren Einheiten auf. In den spanischen Huertas ist der tertiäre Kanal die grundlegende Organisationseinheit. […] Sobald aber kleinere Einheiten organisiert sind, sind die Grenzkosten, die ein Weiterbau auf dieser Organisationsbasis verursacht, weit geringer als ein Start ab ovo. Mehrere der spanischen Huertas sind in drei oder vier hierarchischen Ebenen organisiert.» (S. 245)
Und weiter: «Erfolge mit ersten, noch kleinen Institutionen erlauben es einer Gruppe von Individuen, auf dem so geschaffenen sozialen Kapital aufzubauen, um grössere Probleme mit grösseren und komplexeren institutionellen Arrangements zu lösen. In den gegenwärtigen Theorien des kollektiven Handelns wird dieser Prozess der Akkumulation institutionellen Kapitals vernachlässigt.» (S. 246)

Fazit

Im Bereich der Institutionen-Analyse ist es Ostrom und ihren Forschungskollegen gelungen, einen grossen Fundus an empirischen Studien zu den Bedingungen von erfolgreichen Institutionen kollektiven Handelns zusammenzustellen und ihn sorgfältig zu analysieren. Es gelingt ihr, mit Bezug zu vielen konkreten Kooperationen und genossenschaftlichen Unternehmungen, ihre Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie auch für die «Praktiker» unmittelbar interessant sind.
Die Schweiz mit ihrer über Jahrhunderte bewährten genossenschaftlichen Tradition kann sich durch die wissenschaftlichen Arbeiten von Frau Prof. Ostrom gewürdigt, aber auch gemahnt wissen, ihr «soziales Kapital» nicht in zweifelhaften Zentralisierungs- oder Marktliberalisierungsprojekten zu verspielen.
Das Milizsystem als Kern eines gesellschaftlichen Aufbaus, der von kleinen, weitgehend souveränen Einheiten und den sie tragenden Bürgern nach oben reicht, ist ­effizienter als jeder Zentralismus und jedes «freie Spiel des Marktes». Viele Projekte – auch der Entwicklungszusammenarbeit – können sich durch die Arbeiten Ostroms bestätigt sehen oder in ihnen eine wertvolle Orientierung finden. •

2 Antworten to “Institutionen gemeinsamen Handelns funktionieren – schon seit Jahrhunderten”

  1. nemo vult said

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/elinor-ostrom-die-tragik-der-allmende-1578310.html

  2. nemo vult said

    http://www.heise.de/tp/artikel/37/37488/1.html

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