Schon vernebelt, Augen blutig, bittet:
»Töte mich, Soldat!«
Nach einer Erzählung von Alexander Solschenizyn, “Ostpreußische Nächte”.
Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa.
“Die Erörterung der Vertreibung hat eine eminente Bedeutung für die Gegenwart. Sie ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, denn es ereignen sich heute noch weitere Vertreibungen in der Welt, die von der Völkergemeinschaft verurteilt werden müssen.”
Der ungarische Halbjude Sandor Kovacs, der das KZ der Nazis überlebte und bei seinem Heimmarsch nach Budapest durch Prag kam, gab zu Protokoll:
»Im hitlerischen KZ sah ich Sachen, die ich nicht für möglich gehalten hätte, dass sie von Menschen anderen Menschen angetan würden. Als ich im Mai 1945 auf dem Rückmarsch in meine Heimat in Prag vom Ausbruch des tschechischen Wahnsinns überrascht wurde, erlebte ich ein Inferno menschlicher Armseligkeit und moralischer Tiefe, gegen das meine KZ-Zeit fast eine Erholung gewesen war. Frauen und Kinder wurden bei lebendigem Leib mit Petroleum übergossen und angezündet, Männer unter unvorstellbaren Qualen ermordet. Dabei musste ich ausdrücklich feststellen, dass sich die gesamte Bevölkerung an diesem Verbrechen beteiligte, nicht nur der übliche Mob. Ich sah hochelegante junge Tschechinnen, die vielleicht noch vor kurzem mit den deutschen Offizieren geflirtet hatten, und die nun mit Revolver und Hundspeitschen durch die Straßen liefen und Menschen quälten und mordeten, ich sah offensichtlich höhere tschechische Beamte gemeinsam mit tschechischem Straßenmob johlend Frauen vergewaltigen und qualvollst umbringen. Ich fürchtete mich vor einem deutschen Wiedererwachen. Denn was den Deutschen geschah, ist unbeschreiblich!«
Die „Großen Drei“: (von links nach rechts) der britische Premierminister Clement Attlee, der US-Präsident Harry S. Truman, der sowjetische Generalissimus Josef Stalin; stehend dahinter: der US-Admiral William Daniel Leahy, der britische Außenminister Ernest Bevin, der US-Außenminister James F. Byrnes und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow
Das Schicksal Nachkriegsdeutschlands wurde größtenteils während der Potsdamer Konferenz vom Juli/August 1945 festgelegt, und zwar von den drei Hauptalliierten – der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Über die Aufteilung in Zonen, die Entwaffnung, die Reparationen und so weiter – über alles wurde hier förmlich entschieden.
Und der Schrei nach Rache erhielt in Potsdam seine grausige Kodifizierung: Was die Deutschen betraf – und die Deutschen bildeten 1945 die Hauptsorge der Alliierten -, so war Potsdam nur ein Wort, das die brutale Vertreibung von rund 16 Millionen Menschen aus den Ost-gebieten bedeutete, die dann, von der deutschen Bevölkerung gereinigt, von Polen und Russen übernommen werden sollten.
Diese Vertreibungen sollten, mit den beschwichtigenden Worten der Sieger, in »humaner und ordentlicher Weise durchgeführt werden«.
Die verheerenden Auswirkungen des Potsdamer Abkommens lassen sich an den Worten eines Priesters aus der Pfarrei Klosterbrück in Schlesien ablesen, der über den Sommer 1945 berichtete:
»In Schlesien haben die Polen überall Plakate angebracht: ›Wie die Saat, so die Ernte !‹ Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.«
In einem Dorf im Sudetenland wurden alle deutschen Frauen zusammengetrieben und ihre Achillessehnen durchschnitten. Während sie schreiend am Boden lagen, wurde ihnen von tschechischen Männern Gewalt angetan. Viele Frauen wurden mehrmals am Tag vergewaltigt, und das Tag für Tag. Der 18jährigen Tochter von Frau X geschah dies wochenlang jeden Tag etwa fünfzehn mal.
So trieben es Tschechen, Polen und Russen im Jahr 1945.
Hermine Mückusch, Hausfrau und Großmutter aus Jägerndorf im Sudetenland, sah solche Szenen im Juni/Juli 1945 fast täglich, während sie, mit ein paar Habseligkeiten beladen, zu Fuß gen Westen getrieben wurde. Ein ganzes Leben, ihren gesamten Besitz, ihre Freunde und Verwandten – alles mußte sie zurücklassen. Sie, ihre Tochter und zwei Enkelkinder durften fast nichts mitnehmen. Ihr Ehemann und ihr Sohn waren bereits am 14. Mai verhaftet und von den Russen nach Ratibor verschleppt worden. Die Frauen und Kinder wurden zunächst in ein Sammellager gebracht, in dem chaotische Zustände herrschten. Die ersten fünf Tage gab es nichts zu essen.

